… oder sich um einen Weihnachtsbaum kümmern


Abgelegte Weihnachtsbäume (Gnadenhof)

Moooment! Bevor Sie jetzt denken, dass dieses Thema nur an Weihnachten interessant wird – im Gegenteil. Ich spreche hier von der Zeit weit VOR und weit NACH Weihnachten. Natürlich ist es in vielen christlichen Haushalten gute Tradition, dass an den Weihnachtstagen eine mehr oder weniger festlich dekorierte Tanne im Wohnzimmer platziert wird, unter welche dann haufenweise Geschenke gelegt werden und die meist schon am übernächsten Tag heftig zu nadeln beginnt. Aber haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, was die nicht zur dekorativen Dahinsiechung Ende Dezember vorgesehenen Nadelbäume für ein Schicksal erwartet? Nein? Na, dann ist ja gut, dass wir nun darüber reden.

Geburt und Kindheit, aka die frühen Jahre von Pflanzung und Aufzucht

Als junger Nadelbaum-Setzling hat man es oft nicht leicht. Oft lieblos in ein feuchtes Stück Erdreich gequetscht und in einer Reihe mit Dutzenden anderer, konkurrierenden Möchtegernweihnachtsbäumen ausgerichtet, beginnt der gnadenlose Wettlauf um die meisten Sonnenstrahlen und die ergiebigsten Regentropfen schon denkbar früh. Die Nadeln sind in diesem Stadium noch recht klein und weich, außerdem sind die Abstände zum nächsten Baum zu groß, so dass ein gezielter Nadelstich (daher übrigens auch das bekannte Wort) (also, „Nadelstich“, meine ich) (ach, das hatten Sie schon so verstanden? Okay, dann lesen Sie ruhig weiter) (und sorry für die Unterbrechung) zur Schwächung des Gegenübers nicht durchführbar erscheint.

Bereits in diesem frühen Stadium entscheidet also schon die Natur auf ihre unerbittliche Weise, welche(r) Baum:in nach herkömmlichen Maßstäben zu einer „schönen“ Statur heranwächst.

Die kritische Weihnachtsphase

Der einschneidende Höhepunkt im Leben jedes Weihnachtsbaums kommt etwa im achten bis zwölften Lebensjahr, Anfang Dezember. Dann entscheidet sich, welcher Baum mit einer mehr oder weniger scharfen Säge oder Axt aus seiner Reihenbaumsiedlung heraus selektiert wird, um dann für wenige Tage in einem stark beheizten Wohnzimmer und mit kleinen bunten Kügelchen, Lichterketten und Lametta behangen seine eigentliche Aufgabe zu erfüllen. Nur um dann spätestens Anfang Januar zuerst sämtliche Nadeln (die zu diesem Zeitpunkt durchaus als Waffe gegen zarte Menschenhände eingesetzt werden können) und schließlich sein Leben zu verlieren.

Die in der Tannensiedlung zurück gebliebenen Bäume ahnen natürlich von diesem Schicksal nichts und sind einfach nur traurig, dass sie kein dick vermummter Mensch für sein Weihnachtsfest adoptieren wollte. Sie werden in der Regel ihrem Schicksal überlassen und nach wenigen weiteren Jahren der Nichtbeachtung gnadenlos aussortiert und zu Brennholz verarbeitet.

Und so könnte unsere kleine, traurige Weihnachtsbaumgeschichte enden, wenn es nicht einen Lichtblick für verstoßene Tannen gäbe – den Nicht-Weihnachtsbaum-Gnadenhof!

Der Gnadenhof für ungewollte Weihnachtsbäume

Historisch belegt ist, dass die harsche Selektion als unwert erachteter Tannenhölzer spätestens seit 1945 gesellschaftlich verpönt ist. Jeder Tannenbaum hat ein Recht auf Leben, völlig unabhängig von Herkunft, Farbe und Eleganz. So hat es sich im Laufe der Jahre eine stetig wachsende Gruppe aufrechter Naturliebhaber zur Aufgabe gemacht, die so verschmähten Bäume zu retten und ihnen einen würdigen Lebensabend zu bereiten.

Besonders unter südlicher Sonne entstand eine Vielzahl ökologisch korrekter Plantagen, die eine größere Anzahl Nicht-Weihnachtsbäume aufnehmen konnten. Dort werden die Bäume liebevoll umsorgt, so dass sich bis zu ihrem natürlichen Ende niemand jemals wieder über ihr nicht ganz perfektes Aussehen echauffieren muss.

Das Konzept ist so gut angekommen, dass sich mittlerweile ganze Wohnkomplexe (oftmals inkl. Pools und Restaurants) um die Gnadenhöfe entwickelt haben, in denen auch Ortsfremde kostengünstig ein paar Tage Erholung buchen können, um sich am Anblick der glücklichen Nicht-Weihnachtsbäume zu erfreuen.

 

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